It came to me the other day:
Were I do to die, no one would say,
«Oh, what a shame! So young, so full
Of promise - depths unplumbable!»
Instead a shrug and tearless eyes
Will greet my overdue demise;
The wide response will be, I know,
«I thought he died a while ago.»
For life's a shabby subterfuge,
And death is real, and dark, and huge.
The shock of it will not register
Nowhere but where it will occur.
Vor kurzem dachte ich bei mir:
Wenn ich jetzt sterbe, sagt niemand hier:
«Ach welche ein Jammer! Und so jung,
so vielversprechend - diese Begabung!»
Schulterzuckend und tränenlos reagiert,
wer von meinem überfäll'gen Tod erfährt;
Und man sagt, das weiss ich, weit und breit:
«Ich dachte, er starb vor langer Zeit.»
Denn Leben ist schäbig, Ausflucht gross,
der Tod ist wirklich, und dunkel, und gross.
Der Schock, wenn er kommt, wird nicht registriert,
ausser da, wo es geschieht.
Dem Gedichtband «Endpoint and Other Poems» von John Updike entnommen.
Übersetzt von Susanne Höbel
Unglaublich, dass «Gnade» jahrhundertelang der Leitbegriff war, mit dem der Mensch über sich selbst nachdachte. Im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert hatte der Gnadenstreit in etwa den Stellenwert, der heute der Hinforschungsdebatte zukommt. Wie ist das Gehirn mit der Gnade Gottes verschaltet? Kommt die Gnade dem Menschen zuvor, so dass er nur wollen kann, ws die Gnade ihm eingibt? Oder sind wir so eigenständig, das wir nach eigenem Gutdünken mit der Gnade mitwirken, sie aber auch zurückweisen können? Um solche Fragen wurde nicht etwa nur in kleinen jansenistischen erhitzt debattiert, nein, sie erschütterten den öffentlichen Diskurs und hatten das Zeug, das volkstümliche Selbstverständnis des Menschen zu prägen. Das ist umso erstaunlicher, als es sich bei der Gnade um eine durch und durch unpsychologische Kategorie handelt. Während wir heute gar nicht mehr anders können, als in psychologischen Begriffen über uns nachzudenken, spielt im Gnadendiskurs die Psychologie keine Rolle. Wobei komplexe psychologische Begriffe wie "Ich", "Identität" oder "Selbst", an die wir uns gewöhnt haben, auffällig flach und eindimensional wirken, wenn man sie mit der scheinbar unterkomplexen Kategorie der Gnade vergleicht. Leben in der Gnadenordung meint bis heute ein Gehaltensein, das mit "Optimismus" und "positivem Denken" kümmerlich, nein, richtiggehend falsch beschrieben ist. Denn gnadenhafte Existenz sagt von sich selbst, dass sie auch pessimistisch aus der Wäsche gucken kann, dass ihr jedwede "Erfahrung" von Gnade abgehen kann, dass sie huren, saufen, stehen und morden mag, ohne dass sie all dies aus der Gnadenordnung werfen könnte. Die moralische Ordnung ist, so scheint es, von der Gnadenordnung so weit entfernt wie die psychologische Ordnung. Das macht in unseren durchpsychologisierten und moralisierenden Zeiten das Faszinosum der Gnadenidee aus: dass sie sich ungeschuldet und unerzwingbar begreift, dass sie sich weder verdienen noch herleiten lässt, dass sie Gabe ist. Psychologisch gesehen, sorgt die Vorstellung, in der Gnade zu leben, für einen Entlastungseffekt, wie ihn freilich keine psychologische Glücksformel, keine philosophische Anerkennungstheorie, keine ökonomische Gratifikationsbilanz zu bieten hat. Woher aber die Nerven nehmen, um sich auch unter nervenzerrüttenden Umständen auf einem blühenden Osterspaziergang zu wähnen? Die Logik der Gnade hat hier etwas aufzreizend Gnadenloses: sie trifft, wen sie will. (gey)
Frankfurter Allgemeine, 11.04.09