Heft 18/2 des "Psychotherapie Forum" Juni 2010
Texte der Oltener Tagung 2009
Themen:
- Psychotherapie im Spannungsfeld mit Schule und Elternhaus. Vernetzte Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie - Was wird gebraucht?
- Was brauchen Kinder um in unserer Gesellschaft FIT zu sein?
- Eltern und Lehrpersonen als Gewalt-Risikofaktoren Jugendlicher
Beziehungsmuster und Werterangordnungen
Zusammenfassung
Beziehung wird als Rahmen jeglicher Psychotherapie gesehen und gilt inzwischen mit unhinterfragbarer Selbstverständlichkeit als Methode, Wirkprinzip und Medium. Während ursprünglich die Struktur der Psyche "intrapsychisch" konzeptualisiert wurde, werden in jüngerer Zeit immer mehr "beziehungszentrische" Konzepte entwickelt. Beziehungsmuster werden zum zentralen Gegenstand der Psychotherapie. Der Autor arbeitet am Beispiel der Ordnungsbegriffe von Hellinger und Scheler die Differenz zwischen intrapsychischen und der interpersonellen Sichtweise heraus und plädiert statt einer Fixierung auf Beziehungsmuster für eine Orientierung an intrapsychischen Werterangordnungen.
aus "Psychotherapeut" Nr. 4/09
Zusammenfasssung
Patienten aus familienorientierten Gesellschaften haben ein anderes Verständnis von Schmerz und andere Heilungsvorstellungen als Patienten aus westlichen Gesellschaften. Dies ist in den modernen multimodalen Therapieansätzen bisher nicht ausreichend berücksichtigt worden. Wissensdefizite bezüglich der Anatomie und Funktionsweise des eigenen Körpers sowie traditionelle Vorstellungen von Schmerz (als Magie, Fluch, Bestrafungt etc.) haben einen erheblichen Einfluss auf die Diagnose. Das Schmerzerleben wird nicht auf einen Teil des Körpers beschränkt, sondern ganzheitlich körperbezogen gesehen. Der geringe Zugang zu psychischen Beschwerden führt häufig zu körperlichen Beschwerden. Der erkrankte Körper drückt die soziale, kollektive, ökonomische, migrationsgeschichtliche, psychische und kulturelle Befindlichkeit des Patienten aus. Deshalb ist bei der Behandlung von Patienten aus traditionellen Kulturen ein mulitmodal-interdisziplinärer und kultursensitiver Ansatz für eine effektive Schmerzbehandlung notwendig.
Aus "Psychotherapeut" Nr. 4/09
Zusammenfassung:
Vorgestellt wird ein Manual zur fokalen psychodynamischen Psychotherapie (FPPT) der Anorexia nervosa(AN). Das Manual wurde für die bisher grösste randomisiert kontrollierte Vergleichsstudie zur ambulanten Psychotherapie der AN entwickelt. Diese vergleicht den psychodynamischen Therapieansatz mit einem kognitiv-verhaltenstherapeutischen Verfahren sowie einer Kontrollgruppe mit freier Therapiewahl ausserhalb der Studie. Das Manual beinhaltet Vorgaben zur Arbeit mit emotionalen und interpersonellen Themen der Erkrankung sowie Empfehlungen zum Vorgehen bei typischen störungsspezifischen Schwierigkeiten im Verlauf der definierten Therapiephasen. Erste Ergebnisse sind Mitte 2010 zu erwarten.
Die Themen des Artikels:
Anorexia nervosa: Störungsbild ud Epidemiologie
Psychodynamik
Diagnostik
Allgemeine Wirksamkeit von Psychotherapie
Wirksamkeit psychodynamischer Psychotherapie
Therapeutischer Rahmen
Allgemeine Behandlungsziele
Zentrale Charakteristika
Das Manual ist für Therapien konzipiert, die ca. 40 bis 50 Stunden umfassen und in ihrer Intensität von zwei Terminen pro Woche bis hin zu weiter auseinanderliegenden 14-tägigen oder auch zum Ende hin monatlichen Terminen variieren kann.
Schwerpunktheft zum Thema Forensische Psychotherapie
Editorial
Es vergeht kaum ein Tag, an dem in den Medien nicht irgendein spektakulär aufbereitetes Verbrechen unseren Blick auf den Täter und dessen psychische Störungen richtet. Die Taten tragen dann meist den Namen es Ortes, an dem das Verbrechen verübt wurde, wie Winnenden, wo ein Amokläufer mit den Waffen seines Vaters wahllos Mitschüler tötete, oder jenes mecklenburg-vorpommersche Örtchen Tessin, wo zwei Jugendliche scheinbar ohne erkennbaren Anlass die Eltern eines Mitschülers umbrachten, oder Eislingen, wo ein junger Mann mit seinem Freund erst die eigenen Schwestern und dann seine Eltern erschoss. In allen Fällen waren es Jungen aus "gutem Hause", unauffällig und keinesfalls ausgesprochene Problemkinder.
Vor Gericht wurden dann die pschologischen und psychiatrischen Sachverständigen zurate gezogen, die je nach theoretischem Selbstverständnis unterschiedliche Interpretationen anbieten. Dabei ist entscheidend, ob er Täter zur Zeit der Tat als psychisch so gestört angesehen wird, dass sich daraus Hinweise auf eine vom Gericht zu entscheidende De- oder Exkulption ergeben. Wie immer das Gericht entscheiden mag, solche Täter leiden unter psychischen Störungen, die der Behandlung bedürfen. Welche therapeutischen Massnahmen in solchen geeignet sind, ist nicht nur eine klinische, sondern auch eine Forschungsfrage der forensischen Psychotherapie. Sie interessiert sich nicht nur für die Behandlung der Täter, sondern auch für die Behandlung von Opfern von Straftaten. Die Autoren der Beiträge dieses Schwerpunkteftes fokussieren vornehmlich die Behandlung von Straftätern und der prognostische Beurteilung.
Im letzten Jahrzehnt haben isch die Aufenthaltsdauern im Gefängnis und im psychiatrischen Massregelvollzug für einige Täter- bzw. Patientengruppen nahezu verdoppelt. Es wurde, insbesondere für Sexual- und Gewalttatstraftäter, eine Reihe manuliserter Behandlungsprogramme entwickelt und bezüglich ihrer Wirksamkeit überprüft. Die meisten dieser Programme sinde auf eine vergleichsweise kurze Behandlungsdauer ausgelegt. Vor allem im psychiatrischen Massregelvollzug haben sehr lange untergebrachte Patienten vielfache Therapeutenwechsel zu verkraften, weil Psychologen und Ärzte im Rahmen ihrer Facharztqualifikation, oder weil sie eine Ausbildung zum psychologischen Psychotherapeuten absolvieren, häufig die Station oder gar die Klinik wechseln müssen. Für strukturelle Veränderungen brauchen die Patienten aber Kontinuität der Beziehung, und es ist in unserer Forschungslandschaft ausserordentlich schwierig, langfristige Behandlungen zu validieren. Hier herrscht noch ein grosser Forschungsbedarf.
Textauszug: «In neueren Studien tritt die Psychoanalyse gegen andere >Psychotherapien an . So wurden etwa in einer finnischen Studie 326 Patienten mit Angststörungen oder Depressionen zufällig auf auf drei Behandlungsgruppen verteilt: In der ersten wurde eine psychoanalytische Langzeittherapie (LTPP, 235 Stunden) durchgeführt, in der zweiten eine psychoanalytische Kurztherapie (2o Stunden), in der dritten eine lösungsorientierte Kurztherapie (12 Stunden). Die Therapie schlug in jeder Gruppe gut an. Drei Jahre nach Behandlungsbeginn klagten die Patienten aus der LTTP-Gruppe jedoch seltener über depressive Symptome und Angstattacken als die anderen Probanden».
SonntagsZeitung vom 5.07.09, Seite 53, Autorin: Sabine Oleff